Homöopathie
Alternative Behandlung in der Geburtshilfe

von Barbara Müller-Wopfner, Hebamme


Einführung

Ein Jahrtausende alter Grundsatz der Medizin ist "Ähnliches muß mit Ähnlichem geheilt werden".

"Die Krankheit entsteht durch Einflüsse, die den Heilmitteln ähnlich wirken und der Krankheitszustand wird beseitigt durch Mittel, die in ihm ähnliche Erscheinungen hervorrufen." (Hippokrates, 400 v.Chr.)

Homöopathie: homoios = ähnlich, pathos = Leiden.

Die Schulmedizin, die sogenannte Allopathie (allos = gegen), setzt Mittel ein, die der Krankheit entgegen gesetzt sind, wie beispielsweise bei fiebersenkenden Medikamenten.

Begründet wurde die Homöopathie von dem Arzt Samuel Hahnemann (1755 - 1843). Er galt als ein führender Wissenschaflter seiner Zeit, wurde jedoch nicht überall gleichermassen anerkannt. Während seiner Arbeit fand Hahnemann im Jahre 1790 einen Hinweis, daß Chinarinde zur Behandlung des Wechselfiebers diene. Da er die Angaben bezweifelte, nahm er im Selbstversuch, ohne selbst krank zu sein, eine größere Menge Chinarinde ein. Er konnte an sich die Symtome beobachten, die dem des Wechselfiebers ähnlich sind. Hahnemann stellte sich die Frage, ob Stoffe, die beim gesunden Menschen Symtome einer Krankheit auslösen, diese bestimmte Krankheit auch heilen können. In den folgenden Jahren überprüfte er weitere Arzneistoffe und kann zu dem Ergebnis, dass Arzneistoffe, die beim Gesunden Symptome einer bestimmten Krankheit auslösen, diese Symptome beim Erkrankten heilen. 1796 hat er die Simileregel im "Journal der praktischen Heilkunde" veröffentlicht.


Similia similibus

"Jedes wirksame Arzneimittel erregt im menschlichen Körper eine Art Erkrankung, eine desto eigentümlichere, ausgezeichnetere und heftigere Krankheit, je wirksamer die Arznei ist. Man heilt Krankheiten durch Mittel, deren Wirkungen der Krankheit ähnlich sind." - Hahnemann 1796

In den folgenden Jahren führte er weitere Arzneimittel-Prüfungen durch:
Hierzu nahm der gesunde Mensch das zu prüfende Arzneimittel in regelmäßigen Abständen ein, dabei beobachtete, registrierte und sammelte Hahnemann alle Veränderungen die auffallen, z.B. Gemütsverfassung (freundlich, abweisend), Schlaf (schlecht einschlafen, aufwachen um 3 Uhr), Ausscheidungen (Urin scharf riechend, Schweiss klebrig), Empfindungen (kalte Hände, kribbeln am Rücken).

Die Symptome, die durch diese Prüfungen bei verschiedenen Menschen (Lebewesen) in gleicher oder in ähnlicher Weise beobachtet wurden, werden als Leitsymptome bezeichnet. Hierbei kann es zu eigentümlichen Beschreibungen und Aussagen kommen, aber gerade solche Leitsymptome können oft die wichtigsten sein. Es sind die Leitsymptome, die dem Beobachter zu dem bestimmten Arzneistoff hinleiten.

Die Homöopathie ist ein eigenständiges, in sich geschlossenes Heilverfahren und keine "Kräuterheilkunde"! Ein Großteil der homöopathischen Arzneimittel wird aus pflanzlichen Ausgangsstoffen hergestellt, aber es werden auch tierische und mineralische Substanzen verarbeitet. Hahnemann verwendete zunächst die unverdünnten Urstoffe, teilweise auch hoch giftige Substanzen wie Arsen und Quecksilber. Wie schon erwähnt, hatte der Arzt auch Kritiker, vor allem von Seiten der Apotheker, die auf ihren gesetzlichen Anspuch der Herstellung und Ausgabe von Medikamenten bestanden. Welcher Grund Hahnemann bewogen hat, die Ausgangssubstanzen zu verdünnen, ist nicht genau bekannt.

Für die Herstellung seiner homöopathischen Arzneimittel hat Hahnemann ein eigenes Verfahren entwickelt. Heute erfolgt die Herstellung nach den Vorgaben des "Deutschen Homöopathischen Arzneibuches (H.A.B.)". Es können unter Zusatz von Alkohol oder Zucker verschiedene Arzneiformen hergestellt werden:

Dilutionen (dil.) sind flüssige Zubereitungen
Triturationen (trit.) sind pulverförmige Verreibungen
Tabletten (tabl.) sind ohne Bindemittel gepreßte Verreibungen
Globuli (glob.) sind Zuckerkügelchen getränkt mit flüssiger Arzneisubstanz
Es gibt auch flüssige Zubereitungen für Injektionszwecke.

Das Verdünnungsverfahren wird Potenzieren (lat. potentia = Kraft) genannt. Dabei werden die Ausgangsstoffe nicht nur verdünnt sondern auch verrieben (bei flüssigen Substanzen verschüttelt) und dadurch mechanisch bearbeitet.
Ein Teil der Ursubstanz wird mit 99 Teilen Milchzucker verrieben, so entsteht die erste Centesimalpotenz, kurz C 1.
Bei weiterem Potenzieren wird immer schrittweise vorgegangen.
C 2: 1 Teil der C 1 mit 99 Teilen Milchzucker verrieben
C 3: 1 Teil der C 2 mit 99 Teilen Milchzucker verrieben
C 4: 1 Teil der C 3 mit 99 Teilen Milchzucker verrieben
...
C30: 1 Teil der C 29 mit 99 Teilen Milchzucker verrieben

Es werden in Deutschland auch Dezimalpotenzen benutzt. Ein Teil Urstoff wird mit 9 Teilen verdünnt. Weitere Potenzen sind die Q-Potenzen (LM-Potenzen) und die Korsakoff-Potenzen. Nach der Verdünnungssufe C 12 bzw. D 24 kann der Urstoff nicht mehr nachgewiesen werden. Der Wirkungsmechanismus homöopathischer Arzneimittel ist bis heute ungeklärt.


Homöopathie in der Geburtshilfe

Der Einsatz von homöopathischen Mitteln in der Geburtshilfe kann jederzeit eine wertvolle Hilfe sein und häufig alternativ und auch ergänzend zur Schulmedizin angewandt werden. Die Homöopathie hat jedoch ganz klar ihre Grenzen und diese müssen unbedingt erkannt werden. Hier steht die Gesundheit von Mutter und Kind im Vordergrund und nicht der Wille des/der Betreuenden.

Die unten angefügte Anwendungsübersicht bezieht sich auf die Zeit unter der Geburt. Sie gibt einen schnellen Überblick und bietet eine kleine Auswahl an möglichen Mitteln. Sie ist als Anregung oder Spickzettel gedacht, wenn die Zeit fehlt, im Repertorium nachzuschauen. Sie kann aber nicht die intensive Beschäftigung mit dem Gebiet der Homöopathie ersetzen.

Eine entscheidene Frage, bevor mit einer Behandlung begonnen wird ist: braucht die Gebärende überhaupt ein Mittel? Es gibt viele Frauen die wunderbar ohne jegliches Mittel mit dem intensiven Geburtgeschehen zurecht kommen. Unterstützen Sie diese Frauen und suggerieren Sie ihnen nicht, sie brauchten ein Mittel.

Die Indikationen zur Anwendung homöopathischer Mittel können sehr verschieden sein. Einer der häufigsten Gründe, Hilfen anzubieten, ist der mangelnde Geburtsfortschritt - aus welchen Gründen auch immer. Sei es zu wenig Wehen, erfolglose Wehen, zu heftige Wehen, die Frau kann nicht loslassen, ist verkrampft, hat Angst, ja sie kämpft sich förmlich durch jede einzelne Wehe. Hier hat die Homöopathie einen wunderbaren Ansatz. Es kann, wenn das richtige Mittel gegeben wurde, eine Harmonisierung stattfinden, die Gebärende findet ihr Gleichgewicht, kann loslassen, die Wehen werden angenommen, der Schmerz wird besser verkraftet, die ganze Atmosphäre entspannt sich und die Geburt kann weiter gehen.

Hierzu ein kleines Beispiel:

Frau S. bekam ihr zweites Kind. Die erste Geburt war sehr lang gewesen. Sie lag in der Badewanne und wollte gerne im Wasser entbinden, alles war soweit in Ordnung, bis jetzt war sie super zurecht gekommen. Der Muttermund war vollständig eröffnet und das Kind drängte langsam nach unten. Sie wurde zunehmend unruhiger, wir konnten ein paar zarte Härchen sehen. Verzweifllung machte sich bei der Mutter breit, jede Wehe wurde bekämpft, sie war sehr unruhig, Wasser schwappte aus der Wanne, in der Wehenpause konnte sie nicht entspannen, sie murmelte "ich kann nicht, ich habe so eine Angst". Sie nahm eine Gabe Coffea. Fast augenblicklich kehrte Ruhe ein, die Mutter entspannte sofort. Ich glaube sie schlief sogar ein, ihr Mann hat sie gehalten und keiner traute sich zu bewegen, um diese Ruhe ja nicht zu stören. Dieser Zustand dauerte ungefähr 4 Minuten. Die nächste Wehe kam und Frau S. konnte die Wehe entspannt veratmen. Die kleine Sophie wurde in der nächste Wehe ohne Komplikationen geboren.


Welche Potenz soll ich verabreichen, wie viele und wie oft?

Diese Entscheidung liegt eindeutig bei der "Behandlerin", abhängig von ihrem Wissen und Ausbildungsstand !! Die folgenden Vorgaben sind sehr allgemein, es muß von Fall zu Fall individuell entschieden werden!

Am Anfang sollte man unbedingt eine Einzelarznei verwenden, denn nur so kann man den Erfolg erkennen. Die üblichen Dosierungen sind 3-5 Globuli oder 3-5 Tropfen oder 1 Messerspitze oder 1-3 Tabletten. Welche Potenz zu wählen ist, hängt einmal von der Situation ab und zum andern davon, wie sicher man sich ist, die richtige Arznei gewählt zu haben.

Eine D4 kann zum Beispiel stündlich verabreicht werden bei vorzeitigem Blasensprung. C6 bis C30 gibt man einmalig, eventuell zusätzlich "verkleppert" (dopplte Menge Arznei in Wasser auflösen und langsam schluckweise einnehmen) und wartet erstmal eine Reaktion ab. Bei Besserung keine weitere Einname; wenn die gleichen Symtome wieder kommen, sollte die gleiche Arzneimittelgabe wieder verabreicht werden und anschliessend die Potenz gesteigert werden (C6 - C12 - C30). In einem akuten Zustand kann auch eine C200 verabreicht werden.

Die Geburt ist ein sehr energiereicher Prozess und die Stoffwechselvorgänge sind beschleunigt, dadurch kann ein Mittel rasch aufgebraucht werden.

Wenn sich bei diesen Potenzen keine rasche Besserung einstellt, wurde nicht das richtige Mittel verabreicht. Ein Laie sollte keine höhere Potenz als C6 verwenden. Lassen sie sich von Rückschlägen und "es hilft nichts" nicht entmutigen - es ist ein langer Weg der Erfahrung, aber wenn Sie einmal die erstaunliche Wirkung erlebt haben, werden Sie erfahren, wie wertvoll die Homöopathie gerade in der Geburtshilfe sein kann.

Wenn Ihnen kein Mittel einfällt, wenn Sie keine Idee haben, dann warten Sie lieber ab oder lassen es in diesem Fall ganz - und werfen Sie bitte nicht wahllos mit Kügelchen um sich. Wenden Sie die Homöopathie nicht ohne ausreichende Forbildung an und bitte nicht nach allopathischen Kriterien! Seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst im Umgang mit Medikamenten.


Homöopathie - Anwendungsübersicht Geburt
Blähungen beim Säugling - Behandlungsübersicht


Quellen und Empfehlungen:

Homöopathie für Hebammen und Geburtshelfer
Dr. med. Friedrich P. Graf
Schriftenreihe Teil 1-7, Elwin Staude Verlag

Homöopathie unter der Geburt
Ein Handbuch für Hebammen und Geburtshelfer
Dr. med. Friedrich P. Graf, Sprangsrade Verlag

Homöopathie in der Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Neonatologie
Dr. med. Peter Liffler, Eggers Verlag

Homöopathie in Gynäkologie und Geburtshilfe
H. N. Guernsey, Similimum Verlag

Homöopathie-Fortbildung für Hebammen
Script von Dr. Peter Liffler


Weitere Literatur-Auswahl:

Complete Repertory - deutsche Ausgabe
Roger van Zandvoort, Similimum Verlag

Kents Repertorium der homöopathischen Arzneimittel
Keller/ Künzli, einbändige Tb-Ausgabe, Karl F. Haug Fachbuchverlag

Synthesis - Repertorium homoeopathicum syntheticum
Dr. Frederik Schroyens (Hg.)
Hahnemann Institut für homöopathische Dokumentation

Repetitorium der homöopathischen Leitsymptome nach Körperregionen
Eugene B. Nash, Karl F. Haug Fachbuchverlag

Handbuch der homöopathischen Materia medica
William Boericke, Tb; Karl F. Haug Fachbuchverlag

Synoptische Materia Medica
Frans Vermeulen

Handbuch der homöopathischen Leitsymptome und Bestätigungssymptome
Roger Morrison

Organon der Heilkunst
Samuel Hahnemann, Josef M. Schmidt
Karl F. Haug Fachbuchverlag